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Regina Rheinwald - Moderne Gebisse
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Moderne Gebisse

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Ein sehr engagierter Gastbeitrag der Pferdeanwältin und Tierschützerin Regina Rheinwald. (Mehr Infos dazu unten im Autorenkasten)


Man nimmt den Pferden eine Form ihrer Abwehr gegen den Schmerz, den Schmerz jedoch nicht!

Regina Rheinwald

Wie ist es nur zu diesem unerträglichen Zustand gekommen?

Grausame Ausbildungsmethoden wie zum Beispiel die sog. Rollkur, ein ständiges Aufrüsten mit modernen Gebissen, und die Aufgabe von Regeln, die das Pferd schützen sollen.

Immer mehr Dinge geschehen, die zu Lasten des Pferdes gehen. Zu den Regeln, die aufgegeben werden, gehört unter anderem das Verbot eines Sperrriemens an Hebel- und Stangengebissen. Dieses Verbot wird seitens der FN, Deutsche Reiterliche Vereinigung, mehr und mehr aufgeweicht. In manchen Landesverbänden ist dieses Verbot bereits aufgehoben worden, und so sieht man auf Turnieren immer mehr Springkandaren mit Sperrriemen. 

Die Tatsache, dass viele moderne Gebisse eine schärfere, komplexere Wirkung haben, verschärft die Situation für die Pferde nochmals.

Gut, schauen wir in der Geschichte der Reiterei deutlich weiter zurück als 30-50 Jahre, dann finden wir dort wahre Horrorgebisse. Aber das ist sehr lange her, die Menschen hatten noch nicht so viel Wissen über die Tiere und überhaupt gab es sehr raue Zeiten, in denen sich die Menschen kaum um sich selbst, geschweige denn, um die Bedürfnisse von Tieren kümmern konnten.

Heute aber sind wir in einer komplett anderen Situation. Wir können auf ein großes Wissen zurückgreifen, ständig gibt es neue Studien über die Schmerzempfindlichkeit von Pferden, darüber, wie Gebisse im Pferdemaul liegen, wieviel Platz sie darin haben, wie empfindlich eigentlich ihre Haut ist und vieles mehr. Selbst Röntgenaufnahmen von Pferdeköpfen kann man bestaunen und erschrocken feststellen, wie wenig Platz in so einem Pferdemaul ist, wie Trensengebisse sich in den Gaumen bohren können, ganz zu schweigen von Stangengebissen mit Zungenfreiheit, deren Bogen die Zunge entlastet, aber in den Gaumen drückt, usw.usw..

Inzwischen sind die Gebisse und Zäumungen derart pervertiert – und – man sieht es kaum noch! Was wir von außen sehen, sind Ringe links und rechts des Pferdemauls. Einzelne Ringe, mehrfache Ringe, seltsam verbogene Ringe, Seile, die vom Gebiss zu den Backenstücken führen, so fein, dass man sie kaum bemerkt und, und, und…

Vorbei die Zeiten, da bei auftretenden Problemen in der Pferdeausbildung geraten wurde, einen oder sogar mehrere Schritte im Ausbildungsprogramm zurückzugehen, weil dort die Lösung des Problems immer zu finden ist.

Vorbei die Zeiten, da man Fehler nicht beim Pferd, sondern zuerst bei sich selbst suchte.

Vorbei die Zeit…

Wie sehen sie eigentlich als Ganzes aus, diese Gebisse, und welche Wirkung haben sie auf das empfindliche Maul und den Kopf und das Genick des Pferdes?

Hier eine wirklich nur kleine Auswahl aus Reitsport-Shops, die dazugehörenden Werbetexte und eine Übersetzung derselben:

Alle Herstellernamen wurden geändert.

Werbetext:

Vorteile der XYZ-Trense:

• Effektivere Einwirkung durch Stangenwirkung nur in Zugrichtung – bei seitlicher Flexibilität der äußeren Gebissteile

• Effektivere, maulfreundliche Hilfen

• Leichtere und schnellere Kommunikation zwischen Pferd und Reiter

• Optimale Einwirkung schon bei geringem Zügeldruck, ideal bei Pferden die gegen die Hand gehen

• XYZ-Trensen haben sich im Springsport sehr bewährt, da hier häufig die Schwierigkeit auftritt die Pferde vor dem Sprung zurück zunehmen

• Beim Einsatz von zu scharfen Gebissen, werden die Pferde häufig zu vorsichtig und machen dann nicht genug Tempo, dieser negative Effekt tritt bei XYZ-Trensen nicht auf.

Moderne Gebisse
Der Schein trügt: Dies ist kein einfaches, doppelt gebrochenes Trensengebiss, sondern das beschriebene XYZ-Gebiss mit Stangenwirkung!

Klingt doch super, oder nicht? Effektiv, maulfreundlich, leicht und optimal. Das klingt doch wirklich gut.

Wirklich? Ist das wirklich gut? Und wenn ja, für wen ist dieses Gebiss gut? Für das Pferd oder für den Reiter?

Für das Pferd ganz sicher nicht! Dieses Gebiss dient nur einem einzigen Zweck: Ausbildungsfehler mit Gewalt zu bezwingen.

Wenn wir lesen „Leichtere und schnellere Kommunikation zwischen Pferd und Reiter“, so bedeutet dies nichts anderes, als das dieses Gebiss eine sehr starke Wirkung auf das Pferdemaul ausübt. Üblicher Weise wird so etwas als „scharfes Gebiss“ betitelt. Aber „Leichte und schnelle Kommunikation“ klingt natürlich sehr viel besser als: Die Wirkung dieses Gebisses ist so stark, dass sich Ihr Pferd nicht mehr gegen die schmerzhafte Einwirkung Ihrer Reiterhände wehren kann. Darüber hinaus benötigen Sie nur ganz wenig Kraft, um eine starke Wirkung beim Pferd zu erzielen.

Weiter wird uns erklärt:

Optimale Einwirkung schon bei geringem Zügeldruck, ideal bei Pferden die gegen die Hand gehen.

Na, das ist doch großartig!

Sie benötigen nur ganz wenig Kraft, um eine starke Wirkung beim Pferd zu erzielen. Wie ist das wohl möglich? Das ist möglich, weil Druck und Schmerz beim Pferd bereits bei leichtester Bewegung der Zügel entstehen. Ein scharfes Gebiss eben.

Außerdem muss an dieser Stelle die Frage erlaubt sein, warum es offenbar so viele Pferde gibt, die „gegen die Hand gehen“. Wäre dem nicht so, dann würde dieses Argument keinen Weg in den Werbetext des Gebisses gefunden haben und die Produktion solcher Gebisse würde sich nicht lohnen. Das „Gegen die Hand gehen“ eines Pferdes aber ist die Reaktion auf eine harte Reiterhand, also gegen den Druck und die Schmerzen, die Reiterhände auf dem Weg über das Gebiss dem Pferd zugefügt haben und/oder zufügen. Die logische Folgerung wäre eigentlich eine Nachschulung der entsprechenden Reiter, aber stattdessen wird aufgerüstet, ein schärferes Gebiss gewählt und notfalls noch Schlaufzügel durchgezogen – irgendwie bekommt man fast jedes Pferd klein…

Harmonie? Respekt? Partnerschaft? Fehlanzeige!

Werbetext XYZ-Aufziehtrense:

Vorteile Aufziehtrense mit gedrehtem Mundstück:

• Ermöglicht effektive Hilfengebung aufs Pferdemaul und Genick

• Besonders geeignet für Pferde mit starkem Vorwärtsdrang und Pferde, die gegen die Hand gehen

• Besonders beliebt im Springsport und im Polosport

Die Aufziehtrense hat eine sehr präzise Wirkung auf das Gleichgewicht des Pferdes. Beim Annehmen des Zügels werden dem Pferd die Maulwinkel mit Hebelwirkung hochgezogen. Sie zwingt Ihr Pferd sich mehr aufzurichten und mehr Gewicht mit der Hinterhand aufzunehmen. Die Aufziehtrense wird vorrangig bei sehr massigen Pferden und solchen,  die auf der Vorderhand laufen, verwendet. Im Polosport ist sie durch ihre scharfe Wirkung auch beliebt. Sie wird ausschließlich mit speziellen Backenstücken benutzt und Sie können die Aufziehtrense mit einem Paar Zügeln mit oder ohne Pelhamriemchen oder mit Zügeln verwenden. Allerdings nur, wenn Sie die Technik beherrschen.

Moderne Gebisse und ihre Funktionen
Auch hier trügt der Schein: Kein etwas zu dünn geratenes Wassertrensengebiss ist hier zu sehen, sondern das beschriebene Aufziehtrensengebiss.

Wieder so ein Supergebiss, das Reiterträume wahr werden lässt: Ermöglicht effektive Hilfengebung aufs Pferdemaul und Genick.

Was aber sagt uns dieser Satz wirklich?

Das Wort „effektiv“ wurde mit Sicherheit nicht zufällig gewählt. Effektivität wird in unserer Gesellschaft auf nahezu allen Ebenen angestrebt und ist deshalb positiv besetzt. In diesem Fall jedoch ist eine Übersetzung angebracht. Effektiv bedeutet, dass mit wenig Einsatz eine große Wirkung erzielt wird und bedeutet wieder einmal, dass das Gebiss eine starke Wirkung hat, also zu den sog. scharfen Gebissen gezählt werden muss. Und diesmal wird diese Tatsache im Werbetext auch ganz offen beim Namen genannt. Die Wirkung auf das Pferdemaul wird zusätzlich noch mit einer Wirkung auf das Genick verknüpft. Und die Hersteller packen noch eins drauf:  das Gebiss dreht sich auch noch im Maul des Pferdes, wenn die Zügel angenommen werden.

Wieder finden wir im Text den Hinweis: Besonders geeignet für Pferde mit starkem Vorwärtsdrang und Pferde, die gegen die Hand gehen.

Pferde haben von Natur aus einen starken Vorwärtsdrang, der durch eine geduldige, solide Grundausbildung kontrolliert werden kann. Überforderte Pferde reagieren ebenfalls mit „starkem Vorwärtsdrang“, um der Situation zu entgehen. Das Fluchttier Pferd flieht eben als erstes…

Statt Ausbildung kommen jedoch Gebisse und Zäumungen zum Einsatz, die das Pferd mit Gewalt kontrollieren.

Weiter können wir lesen:

Sie zwingt Ihr Pferd sich mehr aufzurichten und mehr Gewicht mit der Hinterhand aufzunehmen.

Schön, dass dieser Shop so ehrlich schreibt, was dieses Gebiss bewirken soll: Eine erzwungene Haltung des Pferdes.

Aufrichtung jedoch entsteht einzig und allein durch Versammlung mit entsprechender Hankenbeugung.  Diese kann mit einem Gebiss nicht erreicht werden. Erreicht wird nur, dass sich das Pferd in seiner erzwungenen Haltung verkrampft. Zu Druck und Schmerz, die der Reiter dem Pferd durch das Gebiss in Maul und Genick zufügt, gesellt sich noch der Schmerz in Muskeln und Gelenken.

Auffällig bei diesem wie bei vielen anderen Gebissen dieser Art, ist der Hinweis auf die Beliebtheit insbesondere bei Springreitern.

Besonders spannend ist auch der Satz „Die XYZ-Aufziehtrense hat eine sehr präzise Wirkung auf das Gleichgewicht des Pferdes.“

Das Gleichgewicht des Reitpferdes, das durch einen Reiter ins Ungleichgewicht gebracht wird, wird ausschließlich durch eine solide Ausbildung erarbeitet. Soll hier tatsächlich der Versuch unternommen werden, das Pferd, mit einem durchschnittlichen Gewicht von 600kg, über sein  im Verhältnis kleines, vor allem aber hochsensibles Maul im Gleichgewicht zu halten?

Harmonie? Respekt? Partnerschaft? Fehlanzeige!

Werbetext: 1 Gebiss – 2 Wirksamkeitsstufen

Das neue 2 in 1 Gebiss bietet zwei Wirksamkeitsstufen durch einfaches Umschnallen.

1. Verschnallt man die eckigere Seite des Gebisses Richtung Pferdezunge, wirkt der Gebissdruck punktueller.

2. Verschnallt man die runde Seite des Gebisses Richtung Pferdezunge, erreicht man eine sanftere Einwirkung.

Sieht man auf der Aufstiegsseite außen links am Gebiss ein +, ist die wirksamere Seite verschnallt. Ist dort kein Zeichen zu sehen, ist die weichere Seite verschnallt .

Ein gelegentlicher Wechsel der Verschnallung beugt einem Gewöhnungseffekt und einem Abstumpfen des Pferdemauls vor.

Moderne Gebisse und ihre Wirkung
Sieht ganz harmlos aus, ist es aber nicht. Das Two-in-One-Trensengebiss hat es in sich!

Zwei in eins – das klingt wie Werbung für Spülmaschinen-Tabs, oder für ein Duschgel, in dem die Bodylotion gleich mit drin ist und so kein zeitaufwendiges Eincremen nach dem Duschen mehr nötig ist. Also voll im Trend!

Dieses Gebiss hat also eine weiche und eine harte Seite, wie wir lernen. Stolpern sollten wir aber über den letzten Satz: Ein gelegentlicher Wechsel der Verschnallung beugt einem Gewöhnungseffekt und einem Abstumpfen des Pferdemauls vor.

Klingt wieder mal gut. Ein netter, pferdefreundlicher Rat des Herstellers oder Shop-Betreibers? Nein, leider nicht.

Wäre die Absicht dieses Gebisses, dass die weiche Seite überwiegend genutzt wird, so bräuchte man nicht gelegentlich die Verschnallung wechseln. Es sei denn, man geht bereits im Vorfeld von harten Reiterhänden aus…

Mehr Sinn macht der Hinweis allerdings, wenn davon ausgegangen wird, dass in der Regel die stark (punktuell: auf die Kieferknochen)wirkende Seite dieses Gebisses Verwendung findet. Und schon haben wir wieder ein scharf wirkendes Gebiss, wenn es sich auch hinter einer trendigen Bezeichnung versteckt.

Werbetext für das XYZ-Gebiss gegen Festbeißen:

• Verbessert die Akzeptanz und die seitliche Führung

• Perfekt für Pferde, mit einem extrem unruhigen Maul

• Unterstützt in Biegungen und Wendungen

• Verhindert, dass das Gebiss durchs Maul gezogen werden kann.

Moderne Gebisse und ihre Wirkung
Hier sieht man schon eher, dass es sich nicht um ein harmloses Trensengebiss handelt. Trotzdem kommt es daher wie ein „normales Stangengebiss“, dabei ist seine Wirkung äußerst speziell!

Auch in dieser Werbung wird der Eindruck erweckt, dass es eben Pferde mit einem Hang zu diesem oder jenem gibt. Hier werden Pferde beschrieben, die angeblich einen Hang zum Festbeißen am Gebiss besitzen. Das Festbeißen am Gebiss ist jedoch nichts anderes als die Abwehr von Schmerz und Druck. Darauf kann wiederum eigentlich nur mit einer Korrektur des Reiters geantwortet werden, denn er ist derjenige, der diesen Druck und Schmerz beim Pferd verursacht. Stattdessen wird ein neues Gebiss entwickelt, dass den Kiefer lösen soll. Ein Pferd, das Druck oder Schmerz im Maul empfindet, kann den Kiefer jedoch gar nicht lösen und so kann es nur an der starken Wirkung dieses Gebisses liegen, dass das Pferd sich nicht einmal mehr traut, sich darauf festzubeißen. Man nimmt den Pferden eine Form ihrer Abwehr gegen den Schmerz, den Schmerz jedoch nicht!

Ach ja, dieses Gebiss ist auch perfekt für Pferde mit einem extrem unruhigen Maul. Auch dieses „unruhige Maul“ ist keine Eigenschaft, mit der das Pferd etwa geboren wird, nein, auch hier handelt es sich um einen Ausbildungs-/Reiterfehler. Das Pferd hat kein Vertrauen in die Reiterhand, weiß nicht, wie es mit dem Gebiss umgehen soll, damit es ihm kein unangenehmes Gefühl bereitet. Es ist einfach zutiefst verunsichert, was da in seinem empfindlichen Maul geschieht. Auch hier wäre eine Korrektur des Reiters angebracht und die Korrektur des Pferdes müsste darin bestehen, ihm das Vertrauen wiederzugeben. 

XYZ-Trense

Vorteile der XYZ-Trense:

• Durch die langen Schenkel (sogenannte Knebel) der Trense wird die Einwirkung von außen aufs Pferdemaul verstärkt, dies erleichtert die Anlehnung an den äußeren Zügel

• Die Schenkeltrense hat nur eine geringe Hebelwirkung, diese kann aber durch den Einsatz von zusätzlichen Stegen – welche die oberen Schenkel am Trensenzaum fixieren – verstärkt werden

• Die Schenkeltrense ist besonders gut für das Training junger Pferde und für die Longenarbeit geeignet

Moderne Gebisse und ihre Wirkung
Geeignet für junge Pferde? Geeignet zum Longieren? Wie bitte?!

Ein paar Stege, die das Gebiss am Trensenzaum fixieren, machen aus leichter Hebelwirkung ganz schnell eine starke Hebelwirkung. Hat das Pferd das Gebiss im Maul, so kann man es von außen auf den ersten Blick kaum von einer Wassertrense unterscheiden. Das Pferd jedoch merkt einen ganz erheblichen Unterschied. Zügelhilfen kommen mit einem Hebelgebiss mit vielfacher Kraft im Maul an.

Dieses Gebiss wird nun auch noch für die Ausbildung junger Pferde empfohlen. Was, bitte schön, haben Hebelgebisse im Maul junger Pferde zu suchen?! Und was hat ein Hebelgebiss im Maul eines Pferdes zu suchen, das longiert wird?! Wird ein so gezäumtes Pferd ausgebunden longiert, so kommt die Kraft der Ausbinder um ein vielfaches stärker im Pferdemaul an. Das macht überhaupt keinen Sinn und für das Pferd ist es eine einzige Qual!

Muss es doch ständig damit leben, bei jeder Bewegung, die zu Maul-Gebiss-Kontakt führt, Druck und/oder Schmerz durch das Gebiss zu erleiden. Und  einseitige Einwirkungen auf ein Hebel-Stangengebiss sollten sowieso tabu sein!

Die Springkandare

Moderne Gebisse - Springkandare
Springkandare, auch noch mit ziemlich hoher Zungenfreiheit.

Im Springsport, in dem es im Pferdemaul ganz besonders rau zugeht, müssten Kandaren auf der Stelle verboten werden. Stangengebisse eignen sich absolut nicht für grobe Einwirkungen und schon gar nicht für einseitige Zügeleinwirkungen, wie sie im Springsport gehäuft vorkommen, weil dann die Stange im Maul kippt! Aber statt eines Verbotes erleben wir von den Verantwortlichen im Pferdesport genau das Gegenteil: Sie genehmigen sogar das Zubinden des mit Hebelgebiss gezäumten Pferdemauls mittels Sperrriemen!

Auf der obigen Zeichnung sehen wir eine Springkandare mit relativ hoher Zungenfreiheit. Klingt doch gut, eine hohe Zungenfreiheit. Die Zunge wird nicht gequetscht. Aber wo liegt denn dieser Bogen, der der Zunge Freiheit gewähren soll? Wie groß, bitte sehr, stellen sich Hersteller, Verantwortliche im Reitsport und ReiterInnen, die dieses Gebiss benutzen, ein Pferdemaul eigentlich vor? Inzwischen gibt es so viele Informationen über den Platz im Pferdemaul. Röntgenaufnahmen zeigen, dass sich sogar ein einfaches, oder ein gebrochenes Trensengebiss in den Gaumen eines Pferdes bohren kann. Früher als weich bezeichnete dicke Wassertrensengebisse haben in schmalen, zarten Pferdemäulern so wenig Platz, dass die betroffenen Pferde nicht mehr in der Lage sind, ihr Maul zu schließen. Für Stangengebisse mit hoher Zungenfreiheit ist meist kein Platz im Maul und so drückt und bohrt sich der Metallbogen ohne Gnade in den Gaumen des betroffenen Pferdes. Und jetzt bitte, stelle sich jeder einmal die Qual vor, die bei diesem Pferd entsteht, wenn ihm auch noch das Maul zugebunden wird!

XYZ, Stange mit Zungenfreiheit

Beschreibung XYZ:

Dies ist eine Aufziehtrense, aber mit einer total anderen Wirkung. Bei der normalen Aufziehtrense werden die Aufholkordeln am Backenteil befestigt. Beim XYZ ist ein Ring mehr am Gebissring vorhanden. An diesen Ring wird mittels dem Backenteil das Gebiss am Zaumzeug befestigt. Die Kordeln der Aufziehtrense werden auf übliche Art durch die Ösen des Gebisses gezogen, nur wird die Kordel hinter dem Kinn geführt. Hierdurch erzeugt dieses Gebiss bei Druck der Zügel einen extra Druck auf den Unterkiefer / Kinn. Dieses Gebiss kann scharf einwirken bei großem Druck oder unstabiler Hand und ist daher für unerfahrene Reiter oder Pferde nicht geeignet.

Moderne Gebisse als Folterinstrument
Für mich ein echtes Folterinstrument und ich frage mich, wie es möglich ist, dass Gebisse dieser Art tatsächlich noch verkauft werden dürfen!

Kombi-Hackamore

Werbetext:

Das Hackamore ist die am häufigsten verwendete gebisslose Zäumung, die oft Anwendung findet, wenn Pferde im Maulbereich verletzt sind oder sich den Zügelhilfen eines Gebisses entziehen.

Wirkt auf das Genick, den empfindlichen Nasenrücken und die Kinngrube des Pferdes und ist daher nur für erfahrene und gefühlvolle Reiterhände zu empfehlen. Einseitige Zügelhilfen sind nicht möglich, da das Hackamore sonst verkantet. Der Reiter sollte beim Gebrauch eines Hackamores in der Lage sein, das Pferd mit Gewichts– und Schenkelhilfen durch die Wendung zu reiten.

Bei dem Kombi-Hackamore hat der Reiter die Möglichkeit zusätzlich ein Gebiss einzuschnallen, um die beizäumende Wirkung des Hackamores zu verstärken.

Regina Rheinwald - Moderne Gebisse
Wem nicht einmal die starke Hebelwirkung eines Hackamores allein ausreicht, sondern wer zusätzlich noch ein Gebiss, übrigens in freier Wahl ab der Leistungsklasse M, einschnallt, der sollte noch einmal Reiten lernen. Dass solche Zäumungen auf Turnieren erlaubt sind, ja, überhaupt frei erhältlich sind, ist für mich ein Skandal!

Ein solches Gebiss habe ich „in Aktion“ auf einem Turnier „bewundern“ dürfen. Es wurde mit einem zusätzlichen Gebiss eingesetzt und mit lediglich einem Paar Zügel. Das bedeutet, dass die einseitigen Zügelhilfen, die eigentlich auf das Trensengebiss übergehen sollen, gleichzeitig auch auf das Hackamore übergehen. Genau davor warnt aber sogar der Hersteller!

In Kombination mit einem Gebiss finden wir folgende gleichzeitige(!) Wirkungen auf Kopf und Maul des Pferdes vor:

1. Druck auf den empfindlichen Nasenrücken mit Hebelwirkung, also Verstärkung der Kraft, die der Reiter ausübt.

2. Druck auf das Genick. Dort befinden sich Schleimbeutel, die auf dem ersten und zweiten Halswirbel aufliegen.

3. Druck auf die Kinngrube und damit auf einen Teil des Unterkiefers.

4. Druck auf die Zunge

5. Druck auf die Laden

6. Druck auf den Gaumen

Die Punkte 5 und 6 werden bei starker Zügelwirkung und je nach Wahl des Gebisses realisiert.

Und was die erfahrenen, gefühlvollen Reiterhände betrifft, möchte ich Sie bitten, sich selbst einmal ein Bild davon zu machen. Ein Turnier mit einem Vorbereitungsplatz Springen gibt es bestimmt auch in ihrer Nähe. Wählen Sie dabei eine Prüfung der Kategorie M oder S, werden Sie ganz besonders feinfühlige Reiterhände beobachten können…

Regina Rheinwald - Moderne Gebisse
Großes Rätselraten: Was ist das für ein Gebiss? Und: Sind das die feinfühligen Hände, die in der Lage sind, auch scharfe Gebisse sanft einzusetzen? Sind scharfe Gebisse überhaupt sanft einsetzbar? Ich behaupte, dass das nicht möglich ist!

Ich rufe bei einem Internet-Reitershop an. Ich wähle mit Absicht keinen kleinen, sondern einen relativ großen Shop mit vielen Markenartikeln. Ich möchte wissen, welche Gebisse ich in das Kombi-Hackamore einschnallen darf.

Am Ende des nicht sehr aufschlussreichen Gesprächs frage ich:

„Also kann ich eigentlich alles reinschnallen, was reinpasst?“

Die Antwort lautet: „Ja, das können Sie.“

Vielleicht wird nicht sofort die Brisanz dieser Antwort klar. Es bedeutet aber, dass ich die Auskunft erhalten habe, dass ich zusätzlich zu einem Hackamore, einer gebisslosen Zäumung mit den Wirkungen, wie oben beschrieben, auch noch eine Springkandare, eine Aufziehtrense oder was auch immer dazu schnallen kann, solange es nur passt!

Zu der heftigen Wirkung, die schon allein durch das Hackamore ausgeübt wird, kommt noch die heftige Wirkung eines wie auch immer gearteten Hebelgebisses dazu! Mit allen Konsequenzen, die allein eine Zäumung schon mit sich bringt!

Diese Zäumung gehört für mich auf eine Verbotsliste. Hier wird das Pferd doppelt bis sechsfach an Kopf und Maul malträtiert.

Nicht jede/r ReiterIn hat die Möglichkeit, einmal das erste Kennenlernen eines Gebisses bei einem Pferd beobachten zu dürfen. Dieser Moment, in dem sich die Welt für ein Pferd ein für allemal verändert, wo die Weichen gestellt werden, hin zu einem Pferd, das Gebiss und Hände vertrauensvoll annimmt, oder hin zu einem Pferd, für das das Gebiss nur Angst und Schrecken bedeutet.

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