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Irina Dombrowski Interview 2018
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Irina Dombrowski: Showreiten und Turniere mit Andalusiern

Interview mit Irina Dombrowski, geführt von Cristine Keidel für reiterfragen.de

Showreiten – ein Wunsch vieler Reiterinnen und auch Reiter. Die wunderschönen Pferde, die herrlichen Kostüme, dazu mitreißende Musik und spektakuläre Lichteffekte – seit Jahren sind die Aufführungen der großen Pferdeshows wie Apassionata regelmäßig ausgebucht. Einmal in der HopTop-Show der Equitana mitreiten oder wenigstens eine schöne Nummer bei der regionalen Kreistierschau zeigen – davon träumen viele Reiterinnen und Reiter. Doch wie geht das? Reiterfragen.de geht der Frage auf den Grund.

An einem sonnigen Nachmittag im Spätsommer fahre ich nach Ratingen auf den idyllisch gelegenen Kesselkampshof. Direkt vor den Toren Düsseldorfs treffe ich Irina Dombrowski, die auf 30 Jahre Erfahrung im Showgeschäft zurückblickt. Hier lebt sie zusammen mit ihrem Mann Hans Jürgen Mouhlen, den eigenen Pferden Esperanzo, Pegaso und Vanidoso sowie 21 Einstellerpferden. Nach einem Rundgang über den Hof setzen wir uns gemütlich in den Garten und Irina plaudert charmant aus dem Nähkästchen.

Irina Dombrowski Interview 2018
Irina Dombrowski und ihr Nachwuchspferd Pegaso

Reiterfragen.de:

Irina, du hast als Kind und Jugendliche erst voltigiert, dann reiten gelernt auf unseren ganz „normalen“ Warmblutpferden. Wie hast du deine Liebe zu den Andalusiern entdeckt?

Irina:

Als junge Frau hatte ich Probleme mit dem Rücken und konnte vor Schmerzen die schwungvollen Warmblüter kaum noch sitzen. Ich hörte davon, dass Andalusier sehr bequem seien. Auf der Equitana in Essen sah ich dann zum ersten Mal bewusst einen Andalusier und verliebte mich in die Rasse.

Mein erster Andalusier kam aus Norddeutschland

Ich wollte unbedingt einen haben, aber das war Ende der 80er Jahre kaum möglich: In Spanien grassierte die Pferdepest und ein Import war unmöglich. In Deutschland gab es kaum Züchter. Doch ich hatte Glück: in Norddeutschland fand ich einen, der mit vier spanischen Stuten züchtete. Von ihm erwarb ich meinen ersten Andalusier, den damals fünfjährigen Schimmelhengst Adonis.

Irina Dombrowski Interview 2018
Irina Dombrowski mit Favorito in der Galopp-Pirouette

Reiterfragen.de:

Und Adonis war dann die Eintrittskarte fürs Showreiten?

Irina:

Nein, so schnell nicht. Das entwickelte sich langsam. Ich war begeistert von Adonis. Er war sehr brav und konnte in einem ganz normalen Pensionsstall gehalten werden. Dann zogen mein damaliger Mann und ich aufs Land und hatten Platz. Wir holten Adonis nach Hause und der Wunsch entstand, zu züchten. Hinzu kam ein Pony als Gesellschaft für den Hengst und durch einen glücklichen Umstand konnten wir noch zwei PRE-Stuten erwerben.

Körung fürs Rheinland

Leider hatte Adonis keine vollen Papiere, weil sein Züchter ihn aus einer nicht gekörten Stute gezogen hatte. Also ließ ich ihn in Wickrath für das Rheinische Pferdestammbuch kören. Über diese Schiene erhielt ich immer wieder Einladungen, meinen Hengst auf diversen Reiter-Veranstaltungen vorzustellen. Unter anderem auch in der Aachener Soers.

Erste Auftritte als Hengsthalter

Ich überlegte mir, wie ich Adonis am Besten präsentieren könnte. Es lag nahe, uns in traditioneller spanischer Tracht zu zeigen. Leider gab es damals weder Internet noch die tollen Online-Shops, in den man heute jegliches Show-Equipment vom Kostüm über Sattelzeug und Trense bis hin zu typischen Accessoires bequem bestellen kann.

Kreativität war gefragt

Also musste ich kreativ werden und verschiedenes Westernzubehör leicht abwandeln. Mein erstes Reitkostüm habe ich aber ganz original in Spanien gekauft.

Irina Dombrowski Interview 2018 - Equus
Irina Dombrowski mit Equus in einer zirzensischen Lektion

Reiterfragen.de:

Was macht denn ein gutes Showpferd aus?

Irina:

Natürlich muss ein gutes Showpferd spektakulär aussehen: üppige Mähne und Schweif, gutes Exterieur und viel Bewegungspotential. Es sollte gut ausgebildet sein und mehr können als ein Dressurpferd: zirzensische Lektionen. Aber das allerwichtigste ist ein belastbares Nervenkostüm!

Ein Showpferd sollte sich durch Nichts aus der Ruhe bringen lassen. Es muss bereit sein, sich auf wirklich alles einzulassen.

 

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Reiterfragen.de:

Würdest du sagen, dass ein Showpferd mehr leisten muss als ein (Dressur-) Turnierpferd?

Irina:

Auf jeden Fall. Einem Turnierpferd wird schon viel abverlangt: Es wird mit fremder Umgebung, neuen Pferden und viel Rummel konfrontiert. Dazu die Lautsprecher mit Musik. Aber es gibt auch Konstanten: Der Reitplatz ist immer gleich groß, es gibt einen Abreiteplatz, es wird immer das gleiche Programm geritten.

Nicht optimale Böden

Ein Showpferd dagegen bekommt vielleicht kein klassisches Viereck, sondern irgendeinen abgezäunten (Park-)Platz wo Sand abgekippt wurde. Die Maße sind individuell, der Boden nicht optimal und manchmal stehen mittendrinn zwei Säulen. Da ist auch der Reiter gefragt, der mal eben schnell seine Choreografie umstellen und an die Gegebenheiten anpassen muss.

Bescheidene Abreitemöglichkeiten

Dann gibt es nicht immer gute Abreitmöglichkeiten: wir mussten die Pferde schon mal auf einer asphaltierten Straße abreiten. Für Cisne Negro war das kein Problem: der löste sich am liebsten durch die Piaffe. Den konnte man Schritt reiten und immer wieder in die Piaffe schieben. Danach war er locker und gelöst für den Auftritt. Das geht aber nicht mit jedem Pferd. Ein Showpferd muss auch mit kümmerlichen Abreitebedingungen fertig werden und mit einem halben Kaltstart Leistung bringen.

Undiszipliniertes Publikum

Auf Turnieren wird das Publikum meist abgeschirmt und angehalten, sich ruhig auf seinen Sitzen zu verhalten. Gerade bei kleineren Show-Auftritten dagegen stehen die Zuschauer oft direkt am Platz, laufen herum, manchmal sitzt noch ein Kind auf der Absperrung oder ein Hund guckt unten durch. Kameras werden ins „Viereck“ gehalten und es wird mit Blitzlicht fotografiert.

Show-Effekte

Nicht zu vergessen die heute bei großen Shows üblichen Effekte: Nebelmaschinen, Flammenwerfer, Feuer, Lasershow. Dazu ohrenbetäubende Musik und mitklatschendes Publikum. Das macht kaum ein Dressurpferd mit.

Irina Dombrowski Interview 2018 Esperanzo
Mit Esperanzo in einer FN-Prüfung

Reiterfragen.de:

Man hört immer wieder: Dressurreiter auf dem Turnier haben es schwer. Sie müssen genau vorgegebene Lektionen am Punkt reiten und die Pferde müssen korrekt laufen – beim Showreiten ist das alles egal, da reicht gutes Aussehen. Du kennst beide Seiten: Was meinst Du dazu?

Irina:

Der Druck ist ein anderer: Beim Dressurturnier reitet man nur für sich selbst, da geht es um den persönlichen Erfolg. Läuft es mal nicht so gut, bekommt man diesmal eben keine Schleife und nimmt sich vor, es beim nächsten Mal besser zu machen. Aber man darf wieder starten, solange man die Startgebühr bezahlt.

Showreiter sollen unterhalten

Beim Showreiten dagegen wurdest du gebucht, um ein Publikum zu unterhalten und zu erfreuen. Der Veranstalter bezahlt dir Geld, um Zuschauer anzulocken und letztendlich um mit dir Geld zu verdienen. Wenn du keine gute Show ablieferst, versagt ein Geschäftsmodell. Das kann richtig Ärger geben und du wirst nicht mehr gebucht.

Korrekte Ausbildung ist ein Muss

Auch ein Showpferd muss korrekt ausgebildet sein und geritten werden. Sicherlich gibt es Veranstaltungen mit laienhaftem Publikum, das sich am Anblick der spektakulären Pferde und den farbenprächtigen Kostümen erfreut und reiterliche Fehler nicht bemerkt. Aber bei den meisten Veranstaltungen ist Fachpublikum anwesend – da wird jeder Fehler gesehen und kommentiert.

Improvisationstalent

Hinzu kommt, dass man sich als Showreiter spontan auf die Gegebenheiten einstellen muss. Wenn man zum Beispiel eine Choreografie auf einem 20 x 40 Meter Viereck einstudiert wobei die Musik passend zu den Figuren und Lektionen wechselt und man für die Show dann nur einen 15 x 30 Meter großen Platz zur Verfügung hat. Ärgern hilft nichts, da ist Improvisationstalent gefragt.

Barock on Tour
Barock-on-Tour in einer Quadrille

Reiterfragen.de:

Woher bekommst du deine Showpferde? Kaufst du sie fertig ausgebildet oder machst du das selbst?

Irina:

Ich kaufe mir junge Hengste, die ich dann selbst ausbilde. Wie zum Beispiel Pegaso, der Fünfjährige ist vor etwa vier Wochen aus Spanien angekommen. Wie es scheint, hat er Nerven wie Drahtseile. Bei der Ausbildung steht mir mein Mann hilfreich zur Seite, der ja auch ein erfahrener Reiter und in der Vaquero-Szene recht bekannt ist.

Individuelle Unterschiede berücksichtigen

Bei der Ausbildung ist es wichtig, individuelle Unterschiede zu berücksichtigen. Der eine Hengst akzeptiert ganz cool die Fußlonge und lernt das Kompliment spielend, der andere lernt kein Kompliment, kann aber dafür gut mit Showeffekten umgehen. Das muss man einfach ausprobieren.

Keine Nerven für die Show

Meinem aktuellen Pferd Esperanzo fehlt zum Beispiel das robuste Nervenkostüm für die Show. Darum stelle ich den Schimmel ausschließlich in Dressurprüfungen vor. Er ist mit seinen 1,72 Meter Stockmaß für einen Andalusier sehr groß und setzt sich bei FN-Turnieren erfolgreich gegen Sportpferde durch.

Pas-de-Deux auf S-Niveau

Einzige Ausnahme: Wir haben zusammen mit Alisa Mausbach und ihrem Friesen Sky ein Pas-de-Deux auf S-Niveau erarbeitet und im Sommer 2018 auf der Feria Espectaculo in Köln gezeigt. Das hat toll funktioniert und kam beim Publikum sehr gut an.

Irina Dombrowski Interview - Mouhlen
Hans Jürgen "Männi" Mouhlen mit Decoroso in der Piaffe

Reiterfragen.de:

Du gehörtest zum Ensemble der Pferdeshow Rheingold, bist Pas-de-Deux geritten und hast zusammen mit deinem Mann die Showgruppe Barock-on-Tour gegründet. Was würdest du jemand empfehlen, der selbst gerne Showreiten will?

Irina:

Rheingold

Das war meine erste große Show. Die suchten damals eigentlich einen Friesenreiter. Aber zu der Zeit gab es noch nicht so viele gut ausgebildete Dressurfriesen wie heute. Als ich mich dann mit meinem Rappen Cisne Negro vorstellte, bekamen wir die Rolle, obwohl mein Hengst ein PRE war. Der Initiator von Rheingold war übrigens mein heutiger Mann, den ich dort kennenlernte.

Barock-on-Tour

Die Showgruppe Barock-on-Tour wurde auf dem Kesselkampshof gegründet und war hier lange Zeit beheimatet. Wir waren sechs bis acht Pferd-Reiter-Paare, die choreografiert und ausgestattet werden mussten. Transport und Unterbringung – alles nicht so einfach. Aber es war eine hochmotivierte Truppe und wir hatten zahlreiche schöne Auftritte. 2010 haben wir sogar den Barock Show Cup in Hannover gewonnen. Barock-on-Tour gibt es immer noch, aber ich konzentriere mich inzwischen mehr auf den Turniersport.

Decoroso/Cisne Negro

Viele Jahre war ich mit meiner Freundin Tanja unterwegs: Sie ritt meinen Schimmel Decoroso und ich den schwarzen Cisne Negro. Unsere Kostüme waren genau aufeinander abgestimmt – ihrs in Silber/Schwarz, meins in Gold/Schwarz. Das gab ein tolles Bild. Wir waren am Ende so routiniert und aufeinander eingespielt – da klappte fast alles auf Anhieb. Eine tolle Zeit, bis Tanja das Showreiten aufgab, um sich ihrer Familie zu widmen. Mein Mann übernahm dann den Part mit Decoroso.

Die Gruppe braucht einen Anführer

Es muss einen „Anführer“ geben, der die Verantwortung für die künstlerische Leitung hat. Je größer die Showgruppe ist, desto wichtiger wird das. Zuviel Demokratie schadet der Gruppe: jeder kann und soll Ideen einbringen, doch am Ende muss es einen Chef geben, der entscheidet – wie in einem Unternehmen. Ansonsten entstehen oft Streitigkeiten, Grüppchenbildung, Intrigen und am Ende sind alle so miteinander zerstritten, dass sich die Gruppe auflöst, was ja dann sehr schade ist.

Tipps fürs Training

Neue Sachen niemals in der Gruppe ausprobieren, sondern immer nur einzeln. Wir haben mal zusammen eine Nebelmaschine ausprobiert: Eigentlich hat nur ein Pferd gescheut, mit seiner Panik aber alle anderen angesteckt. Daraufhin konnten sämtliche Pferde nicht mehr mit Nebelmaschinen konfrontiert werden. Das war sehr schade, denn so mussten wir auf einen tollen Showeffekt verzichten.

Die Sache mit dem Feuerwerfer

Beim Feuerwerfer waren wir dann schlauer: den haben wir mit jedem Pferd einzeln ausprobiert. Die meisten haben ihn akzeptiert. Wenn sich ein Pferd auch nach mehrmaligem Training überhaupt nicht mit solchen Effekten anfreunden kann, dann geht es in diesem Schaubild eben nicht mit. Das ist langfristig gesehen besser, als sich die ganze Gruppe zu verderben.

Irina Dombrowski Interview 2018 Training
Trainingspiaffe mit Favorito

Reiterfragen.de:

Wenn du etwas ändern wolltest, was wäre das? Und was hast du für die Zukunft geplant?

Irina:

Wenn ich so zurückschaue muss ich sagen, es ist alles gut, so wie es gekommen ist. Ich würde nichts ändern wollen. Im Moment genieße ich es, mit Esperanzo einfach nur Turniere zu reiten, ohne mich mit anderen absprechen zu müssen. Ich könnte mir vorstellen, die S-Kür mit Alisa noch einmal aufzuführen – wenn die Reitbedingungen dem nicht so robusten Nervenkostüm von Esperanzo entgegenkommen.

Und ich werde mich der Ausbildung von Pegaso widmen. Den habe ich speziell für den Turniersport ausgewählt: Farbe und Gangwerk sind durchaus FN-tauglich. Ich hoffe, er wird einmal ein würdiger Nachfolger von Esperanzo. Und wer weiß – vielleicht zeige ich ihn auch einmal in einem Pas-de-Deux. Die Nerven für ein Showpferd scheint er ja zu haben.

Irina Dombrowski - Interview 2018

Irinas größten Erfolge

Irina besitzt das Silberne Reitabzeichen der FN und ist mit ihrem spanischen Hengst Esperanzo aktuell erfolgreich in FN-Prüfungen der Klasse M. Sie hatte zahlreiche Showauftritte auf der Equitana in Essen, in der Aachener Soers sowie im Landesgestüt Neustadt/Dosse und gehörte zum festen Ensemble der Pferdeshow „Rheingold“. 2010 gewann sie mit der Show-Gruppe Barock-on-Tour den Barock-Show-Cup in Hannover. 2015 gewann sie mit Esperanzo den Königs Barockpferde Cup auf der Equitana in Essen, 2017 holten die beiden in der M-Kür den zweiten Platz.

Kesselkampshof Moulen/Dombrowski

Der Kesselkampshof

Hans Jürgen Mouhlen & Irina Dombrowski Hasenbrucher Weg 12 40885 Ratingen Tel.: 02054 – 84579 kesselkampshof@mouhlen.de www.mouhlen.de Ausbildung von Pferd und Reiter nach FN und in spanischer Reitweise (Vaquero) Doppellonge Garrocha Bodenarbeit Reithalle 20 x40 Meter Außenreitplatz 20x 60 Meter Longierhalle 13 x 18 Meter Showlichteffekte und Musikanlage in beiden Hallen

Cristine Keidel - Reiterfragen.de

Seit meiner Kindheit bin ich im Sattel zu Hause und habe das Bronzene Reitabzeichen. Unvergesslich sind mein erstes eigenes Pferd „Piroschka“, Andalusier „Cariño“, den ich aus Spanien importierte und bis zur Kandarenreife ausbildete, und natürlich PRE „Amoroso“, mit dem ich zahlreiche Showauftritte hatte und 2011 die Copa Baroque gewann. Aktuell begleitet mich Hannoveraner-Stute „Belle de Jour“ durchs Reiterleben.

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