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Offenstallhaltung – Pferdehaltung im Offenstall

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An der Offenstallhaltung schieden sich früher die Geister in der Reiterwelt: Für die einen war es die einzig wahre tiergerechte Haltungsform, für die anderen eine Dauerkombination aus Matsch, Kälte und zotteligen Pferden. Was für Ponys noch toleriert wurde, kam für ein Turnierpferd auf keinen Fall in Frage. Doch spätestens seit die erfolgreiche Dressurreiterin Uta Gräf die Offenstallhaltung ihrer Grand-Prix-Dressur-Hengste propagierte, kam Bewegung in die Köpfe der Pferdehalter. Für reiterfragen.de ein Grund, die Pferdehaltung im Offenstall etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Was ist Offenstallhaltung

Im Offenstall wird dem Pferd ein Lebensraum zugeteilt, der sich aus einem überdachten und einem nichtüberdachten Teil zusammensetzt. Im überdachten Teil befindet sich ein Ruhe- und Liegeplatz fürs Pferd. Der nichtüberdachte Teil besteht idealerweise aus einem Stück befestigten Grund, auf dem sich auch die Raufe mit dem Raufutter befindet. In diesem Auslauf kann sich das Pferd im Winter tummeln, wenn der unbefestigte offene Teil – also die Weide – zu matschig wird. Irgendwo auf dem Areal befindet sich noch eine Tränke und ein Salzleckstein. Das Pferd kann sich innerhalb des Offenstalls frei bewegen und selbst entscheiden, in welchem Teil des Areals es sich aufhalten will. Meistens werden Pferde im Offenstall in Gruppen gehalten, es gibt aber auch Einzelhaltung – bei Hengsten zum Beispiel.

Diese Definition eines Offenstalls ist sehr allgemein und passt von der zwei-Pferde-Herde auf der Wiese hinterm Haus mit Unterstand bis hin zum professionell gemanagten Hit Aktiv Laufstall inklusive Transpondern zur Weideöffnung und individuellen Fütterung.

Dülmener Wildpferde im Meerfelder Bruch

Das Konzept der Offenstallhaltung

Das Offenstall-Konzept orientiert sich an den Lebensbedingungen von Wildpferden. Biologisch gesehen zählen Wildpferde zum Großwanderwild. Sie leben meistens in großen Herden, oft im Familienverband, der aus dem Leithengst, der Altstute, ihren erwachsenen weiblichen Nachkommen und deren Fohlen besteht. Die heranwachsenden männlichen Fohlen werden vom Leithengst vertrieben und bilden dann eine eigene Junggesellenherde. Die stärksten Junggesellen versuchen, den Althengsten Stuten wegzunehmen und so eine eigene Herde zu gründen. Vertriebene Althengste sieht man oft allein.

Das Leben der Wildpferde ist durch viel Bewegung geprägt: auf der Futtersuche ziehen sie gemächlich Schritt für Schritt weiter und laufen so schon etliche Kilometer pro Tag. Als Fluchttiere bevorzugen sie offenes Gelände, wo sie den Feind rechtzeitig erkennen und flüchten können. Ihr großes Lungenvolumen lässt sie schnell und ausdauernd galoppieren.

Wildpferde ernähren sich von Gräsern und Kräutern. Man findet sie vor allem in weitläufigen Steppengebieten, wo das Futter eher karg ist. Zum Überleben fressen Pferde praktisch den ganzen Tag lang – 16 Stunden pro Tag verbringen sie etwa mit der Nahrungsaufnahme. Ihr Verdauungssystem ist perfekt daran angepasst. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass das Sättigungsgefühl bei Pferden nicht durch die aufgenommene Kalorienmenge gesteuert wird, sondern durch die Anzahl der Kauschläge.

Aus den Beobachtungen der Wildpferde ergeben sich folgende Aussagen:

  • Pferde sind soziale Tiere, die sich in der Gruppe am wohlsten fühlen.
  • Pferde sind Lauftiere und müssen sich täglich ausreichend bewegen.
  • Pferde brauchen Raufutter rund um die Uhr.
  • Pferde fühlen sich in übersichtlichem Gelände am wohlsten. Sie brauchen viel frische Luft um ihre Atemwege gesund zu erhalten und viel Licht für einen aktiven Stoffwechsel.

Die Vorteile der Offenstallhaltung

Ausgeglichene Pferde

Pferde aus dem Offenstall sind viel ausgeglichener als Pferde aus der Boxenhaltung. Sie sind Umweltreize gewöhnt und haben keinen Bewegungsdruck, deshalb explodieren sie nicht bei jeder Kleinigkeit. Das Leben in der Herde macht sie zufrieden. Offenstallpferde rebellieren weniger gegen den Reiter und scheuen weniger. Das Reiten mit ihnen ist sicherer und macht mehr Spaß.

Geringere Kosten durch gesündere Haltung

Pferde in Offenstallhaltung sind dem Wetter ausgesetzt und bewegen sich mehr als Boxenpferde, darum fressen sie mehr Raufutter. Doch diese geringen Mehrkosten werden durch deutliche Einsparungen von Tierarztkosten relativiert. Atemwegserkrankungen und Arthrosen entstehen nicht im Offenstall, sondern durch schlechte Luft und Bewegungsmangel in Boxenhaltung. Für die Hufe ist diese Art der Haltung sehr gut: sie werden durch den Auslauf mehr durchblutet und haben seltener Fäulnis, weil sie sauberer stehen. Der direkte Kontakt zu Artgenossen ist Balsam für die Seele. Ernsthafte Verletzungen durch Rangeleien sind im Stall eher selten. Hier kommt es auf die Gruppenzusammensetzung an.

Ein gutes Gewissen

Jeder verantwortungsvolle Pferdehalter, der sein Pferd in der Box hält, kennt wohl dieses schlechte Gewissen: Man hat so viel zu tun, zu wenig Zeit, und das arme Pferd steht in der Box und langweilt sich… Spät abends fährt man dann noch in den Stall, um sein Pferd wenigstens ein paar Minuten in  der Halle laufen zu lassen. Das ist nicht schön für den Pferdebesitzer – und für das Pferd erst recht nicht.

Besitzer, die ihre Pferde im Offenstall halten, sind da viel besser dran: Sie wachen Sonntag morgens auf mit dem guten Gefühl, dass es ihrem Tier gut geht. Da kann man sich ruhig noch einmal umdrehen und dann das Frühstück mit der Familie genießen. Natürlich muss man sich auch um ein Offenstallpferd regelmäßig kümmern. Aber der Druck ist weg. Man weiß, dass sich das Pferd in seiner Herde wohl fühlt, beschäftigt ist und sich frei bewegen kann. In gut gemanagten Offenställen, wo die anderen Pferdebesitzer nach dem Rechten schauen, kann man sein Reitpferd auch mal ein oder zwei Tage stehen lassen.

Die „Nachteile“ beziehungsweise Vorurteile der Offenstallhaltung (Märchenstunde)

Die meisten „Nachteile“, die durch Offenstallhaltung entstehen, lassen sich durch die richtige Auswahl des Offenstalls abwenden. Es gibt immer wieder Vorurteile und Behauptungen, die so einfach nicht stimmen. Hier findest du die häufigsten Ausreden:

Mein Pferd ist für den Offenstall nicht geeignet

Die allermeisten Pferde eignen sich für die Offenstallhaltung und fühlen sich dort besser als in der Box. Allerdings passt nicht jedes Pferd in jede Herde. Die Zusammensetzung der Gruppen ist das A und O. Am besten bildet man möglichst homogene Gemeinschaften. Leichtfuttrige dicke Pferde passen nicht zusammen mit dünnen, die man päppeln muss. Temperamentvolle Vollblüter stellt man besser nicht mit gemütlichen Kaltblütern zusammen. Auch sehr große und sehr kleine Pferde sind nicht kompatibel. Senioren sollten besser unter sich bleiben. Überall gibt es Ausnahmen. Hier ist das Management gefragt. Große Ställe mit sehr vielen Pferden haben den Vorteil, dass sie viele kleine Gruppen mit den unterschiedlichsten Ansprüchen bilden können, zum Beispiel „die hufeisenlose Stutengruppe, die nur Heu bekommt“.

Pferde, die bereits als Fohlen allein oder in kleinster Gruppe aufwuchsen und danach nur Einzelhaltung kannten, tun sich natürlich schwer, wenn sie auf einmal mit vielen Pferden gleichzeitig kommunizieren sollen. In einem solchen Fall kann es lange dauern, bis man die geeignete Herde gefunden hat. Den perfekten Stall mit der 100%ig passenden Gruppe gibt es so selten wie einen Lottogewinn – Kompromisse muss man immer machen.

Das ist mir zu schmutzig

Pferde sind nur so schmutzig wie der Untergrund ist, auf dem sie stehen. Wer sein Tier in einen unbefestigten Offenstall stellt, der sich bei Regen in eine Matschlandschaft verwandelt, ist selber schuld. Fahre lieber ein paar Kilometer weiter in einen Offenstall, wo die Pferde auch im Winter einen befestigten Paddock haben. Die Zeit, die du ins Autofahren investierst, holst du beim Putzen wieder rein. Außerdem sparst du dir die Tierarztkosten für eine Maukebehandlung. Sollte dein Pferd Mauke haben, findest du in diesem Artikel alle Informationen, die du brauchst: Mauke – erkennen, behandeln, vorbeugen.

Ich will aber Turniere reiten

Auch das ist kein Problem. Ich empfehle das Buch von Uta Gräf „Schlamm abkratzen und Grand Prix reiten“. Pferde aus Offenstallhaltung sind mindestens so leistungsbereit wie Boxenpferde. Allerdings sind sie ausgeglichener und haben eine bessere Kondition. Auch geschorene Pferde stehen in Decken gehüllt vor Nässe und Kälte geschützt im Offenstall.

Natürlich musst du dir einen Offenstall suchen, der die nötige Infrastruktur für Turnierreiter bietet wie zum Beispiel eine Reithalle, einen Spring-/ und oder Dressurplatz, eventuell eine Longierhalle und so weiter. Solche Offenställe sind leider immer noch viel zu selten, aber es gibt sie.

Mein Pferd benötigt eine individuelle Fütterung

Im Offenstall gibt es in der Regel nur Raufutter. In ganz vornehmen Ställen tragen die Pferde Transponder am Hals oder Bein, mit denen sie Kraftfutterautomaten bedienen und sich ihre individuell programmierte Tagesration(en) abholen können. Bei den Normalsterblichen füttert der Reiter nach der Arbeit sein Pferd ganz individuell mit Kraftfutter und verabreicht ihm dabei auch alle Zusätze wie Mineralien oder Leinsamen. Wer jetzt die zur Fütterungszeit mit den Hufen gegen die Boxentüren schlagenden Pferde aus traditioneller Haltung vor Augen hat, kann sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, dass es für ein Offenstallpferd völlig normal ist, stillstehend geputzt zu werden, während der Kollege nebenan gerade genüsslich seine Schüssel ausschleckt.

Die Verletzungsgefahr ist mir zu hoch

In der Gruppe entsteht eine Rangordnung, in der jedes Pferd seinen Platz findet. Bei Neuzugängen wird die Rangordnung neu definiert. Pferde sind soziale Tiere, die zuerst kommunizieren und andeuten, bevor sie treten oder zubeißen. Meistens reicht die Andeutung schon aus und das andere Pferd unterwirft sich. Trotzdem kann es schon mal zu Verletzungen kommen, die aber meistens glimpflich verlaufen.

Auch hier ist wieder das Stall-Management gefragt. Verantwortungsvolle Stallbesitzer lassen Neuzugänge nur während der Weide-Saison zu, wenn maximaler Platz im Auslauf vorhanden ist und gewöhnen die neuen Gruppenmitglieder erst einmal per Integrationsbox ein. Die Fluktuation sollte so gering wie möglich gehalten werden.

In räumlicher Hinsicht sollte der Stall so gebaut sein, dass es keine engen Winkel gibt, in die ein Pferd hineingetrieben werden und nicht mehr flüchten kann. Es sollte Versteckmöglichkeiten auf dem Paddock geben und überall zwei Ein- und Ausgänge.

Verletzungen im Offenstall sind meist harmlose Kratzer und Blutergüsse, die bald wieder verschwinden. Bei herkömmlicher Boxenhaltung entstehen eher langfristige, chronische Krankheiten wie Husten, Hufkrankheiten oder Arthrose.

Einen echten Nachteil gibt es doch

Wer den Offenstall wählt, hat keinen Reitsklaven in der Box, der geduldig darauf wartet, jederzeit zur Verfügung zu stehen. Ein Offenstall-Halter muss bereit sein, Zugeständnisse dem Pferd gegenüber zu machen. Vielleicht nimmt er für den perfekten Stall eine längere Anfahrt in Kauf. Auch die Wege innerhalb eines Offenstalls sind lang: Steht die Herde gerade am anderen Ende der Weide, wenn man sein Pferd holen will, muss man weit laufen – bei Hitze oder Regen kein Vergnügen.

Die Pferdebesitzer im Offenstall bilden übrigens auch eine Gruppe, in die man sich integrieren sollte. Auch hierbei gilt wieder: es gibt nette Gruppen und nicht so nette. Es müssen immer wieder Entscheidungen getroffen werden, die die ganze Gruppe betreffen – Heu oder Silage? wann impfen? wann Wurmkur? Im Offenstall muss man mehr Kompromisse eingehen, man kann nicht zu 100% sein eigenes Ding machen – dafür ist es aber auch viel geselliger und man hilft sich gegenseitig (Stichwort: Urlaubs-/Krankheitsvertretung).

Bewährte Kombinationen

In der Praxis haben sich folgende Kombinationen bewährt:

  • reine Stutengruppe
  • reine Wallachgruppe
  • Stuten mit Fohlen und einem Deckhengst (für die Zucht)
  • Absetzerfohlen gemischt bis zu einem Jahr
  • Jährlinge, nach Geschlechtern getrennt
  • Jungpferde, nach Geschlechtern getrennt
  • Seniorengruppe, gemischt oder getrennt
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Cristine Keidel - Reiterfragen.de

Seit meiner Kindheit bin ich im Sattel zu Hause und habe das Bronzene Reitabzeichen. Unvergesslich sind mein erstes eigenes Pferd „Piroschka“, Andalusier „Cariño“, den ich aus Spanien importierte und bis zur Kandarenreife ausbildete, und natürlich PRE „Amoroso“, mit dem ich zahlreiche Showauftritte hatte und 2011 die Copa Baroque gewann. Aktuell begleitet mich Hannoveraner-Stute „Belle de Jour“ durchs Reiterleben.

1 thought on “Offenstallhaltung – Pferdehaltung im Offenstall”

  1. Brigitte Birnbacher sagt:

    Super interessanter Artikel!

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