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Tinkerfohlen mit Stute - Rasseportrait Züchter
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Tinker – Irish Cob

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„Das Gold der Zigeuner klimpert nicht und glitzert nicht.
Es glänzt in der Sonne und wiehert in der Dunkelheit.“

(Redensart der Gladdah Zigeuner von Galway)

Wo kommt der Tinker her? Geschichte der Tinker

„Tinker“ als Schimpfwort

Sollte dir in England oder Irland ein hübscher Schecke mit üppigem Langhaar und Fesselbehang begegnen, nenne ihn auf keinen Fall „Tinker“! In Großbritannien ist „Tinker“ ein übles Schimpfwort, mit dem man seit jeher die landlose, fahrende Völkergruppe der sogenannten „Traveller“ beleidigt. Diese ziehen seit Jahrhunderten durch die Lande und verdingen sich als Kesselflicker oder Landarbeiter. Heute sind sie motorisiert, aber früher hatten sie all ihr Hab und Gut auf ihren charakteristischen hölzernen Wagen, die von robusten kräftigen Pferden gezogen wurden.

Tinker waren Arme-Leute-Pferde

Die Besitzer dieser Pferde waren arm und hatten keinen Sinn für Rassestandards und Zuchtbücher. Sie legten Wert auf Robustheit und Zugleistung. Außerdem war ihnen der Charakter wichtig, denn sie lebten eng zusammen mit ihren Pferden. Aggression wurde nicht geduldet. Hinzu kam eine Vorliebe für üppigen Behang. Es wurde immer wieder Pferde der dort üblichen Rassen wie Connemaras, Clyderdales, Irish Draught Horse, Hackneys und viele andere immer wieder eingekreuzt.

Charakter und Arbeitsleistung waren wichtiger als Rassestandards

So bildete sich im Laufe der Jahre ein robustes Arbeitspferd heraus, dessen Aussehen aber nicht besonders homogen war. Auch wurden immer wieder Traber mit eingekreuzt, um die Rasse schneller zu machen: Die Travellers veranstalteten inoffizielle Trabrennen über meist 30 Meilen auf den Straßen. Die Namen der Sieger waren legendär und wurden von Mund zu Mund weitergegeben. Diesem Traberblut verdanken die heutigen Tinker wahrscheinlich ihre raumgreifenden und schwungvollen Trabbewegungen.

Gezielte Scheckenzüchtung seit über 100 Jahren

Anfang 1900 begannen die Travellers gezielt mit der Scheckenzüchtung. Warum, weiß niemand so genau. Die einen führen es auf eine Herde gescheckter Trakehner zurück, die zum selben Zeitpunkt damals nach Irland verkauft wurde. Andere meinen, es war eine Art Gegenbewegung zu dem Trend der wohlhabenden Bürger, die einfarbige Pferde bevorzugten. Die Travellers waren von der Gesellschaft ausgegrenzt, ihr ganzer Stolz waren ihre Pferde und so versuchten sie, sich abzugrenzen und eine eigene Identität zu entwickeln.

Auf jeden Fall war die individuelle Scheckung ein prägnantes Erkennungsmerkmal: So fand man sein Pferd in der Herde leicht wieder und auch gestohlene Tinker konnten anhand der Scheckung identifiziert werden.

Tinker - schwarz-weißer Schecke im Stroh

Steckbrief

Rasse: Tinker
Andere Namen:
Irish Cob, Coloured Cob, Traveller Horse, Gypsy Vanner
Stockmaß:
128 – 170 cm
Eigenschaften:
Gelassen, neugierig, intelligent, manchmal stur, gesellig, menschenbezogen, hohes Sozialverhalten, robust
Eignung:
Therapie, Freizeit, Fahren, Ausreiten
Besonderheiten:
meist gescheckt, üppiges Langhaar, langer Fesselbehang, Leichtfuttrig, oft blaue Augen
Vorsicht:
kein Gewichtsträger, kein Sportpferd, empfindlicher Rücken

Im englischsprachigen Raum nennt man Tinker:

  • Irish Cob
  • Traveller Horse
  • Vanner
  • Coloured Cob
  • Gypsy horse

Der Name Tinker kam nach Deutschland, als Händler diese Pferde als Schlachtpferde nach Deutschland verkauften und sie wohl abwertend so nannten. In Deutschland ist der Name etabliert und steht auch im Rassestandard so geschrieben. Hier ist „Tinker“ kein Schimpfwort, sondern eine ganz normale Rassebezeichnung.

Wie sehen Tinker aus? – Exterieur und Rassestandard

Erst mit dem Aufkommen der Tinkermode in den 1990er Jahren sah man in Irland die Notwendigkeit, einen Zuchtverband zu gründen: die Irish Cob Society Ireland Ltd. (ICS), der auch vom irischen Landesministerium anerkannt ist. In Deutschland hat die FN 2005 im Rahmen der Zuchtverbandsordnung den Rassestandard „Tinker“ herausgegeben. Ziel sind hier Pferde mit einem Stockmaß von 135 bis 160 Zentimeter, größere Tinker heißen dann Irish Cob.

Tinker-Größen

In Irland werden Tinker in 3 Sektionen unterteilt:
Sektion A160 – 170 cm Stckm.Traditional/Heavy TypePferd
Sektion B149 – 159 cm Stckm.MediumKleinpferd
Sektion C128 – 148 cm Stckm.PonyPony

Vom Typ her weist der Tinker Merkmale von Pony, Warmblut und Kaltblut auf und lässt sich wohl am besten als kaltblutgeprägtes Zugpferd beschreiben. Es handelt sich um ein kräftiges Arbeitspferd, leicht gedrungen und starkknochig, mit einer abfallenden, gespaltenen Kruppe. Auffällig ist der fedrige, lange Fesselbehang, ähnlich wie bei Friesen. Allerdings hat der Tinker den vom Clydesdale Horse geerbt. Passend dazu ist das üppige dichte Langhaar an Schopf, Mähne und Schweif. Das Fell der Tinker ist dicht und bekommt im Winter lange Grannenhaare. Der Kopf ist grob oder derb und manchmal ramsnasig. Viele Tinker haben einen Ziegenbart in der Kinngrube, manche sogar einen geschwungenen Kaiser-Wilhelm-Bart auf der Oberlippe.

Die Augen der Tinker gibt es in den üblichen Schwarz- und Brauntönen, aber oft kommen hier auch die sonst seltenen blauen Augen in den unterschiedlichsten Schattierungen vor.

Die meisten Tinker sind gescheckt. Erlaubt sind sowohl Plattenscheckung als auch einzelne Punkte, die in Irland Inkspots genannt werden. Die Schwarzschecken heißen in England Piebald, alle anderen Schecken Skewbald. Es gibt sie in Rot, Braun und Blau. Außer den Schecken gibt es noch einfarbige Tinker in braun oder schwarz, meistens mit weißem Fesselbehang. Sehr selten sind ganz weiße Tinker.

Wie sind Tinker? – Interieur und Eignung

Tinker zeigen ein ausgeprägtes Sozialverhalten und fühlen sich im Herdenverband am wohlsten. In Irland und England werden sie in gemischten Herden gehalten: hier stehen Stuten, Wallache und auch Hengste zusammen. Die freundlichen Schecken haben einen ausgeglichenen Charakter und zeichnen sich durch Neugier, Intelligenz und manchmal Sturheit aus. Sie sind sehr menschenbezogen und niemals aggressiv.

Das perfekte Freizeitpferd

Aufgrund dieser Eigenschaften sind Tinker ideale Therapiepferde, aber natürlich sind sie auch tolle Freizeitpartner. Sie gehen schwungvoll vor der Kutsche und trittsicher im Gelände. Tinker sind ausdauernde und sitzbequeme Reitpferde, die trotz ihrer Traberverwandtschaft auch meistens ein gutes Galoppiervermögen haben. Ihre Gelassenheit macht sie zu sicheren Ausreitpferden, die auch im Straßenverkehr die Nerven behalten.

Tinker im Sport?

Manche Tinker sind sogar recht sportlich. Zwar ist im Springen die Grenze bei Klasse A für die meisten erreicht. Doch gibt es Tinker, die in der Dressur bis Klasse M erfolgreich laufen und bis zur Hohen Schule ausgebildet sind. Im Western- und Fahrsport sind sie sogar bis auf Landesebene erfolgreich. Allerdings sind das eher Ausnahme-Tinker. Längst nicht jeder Tinker kann solche Ziele erreichen und ist im Freizeitbereich besser aufgehoben.

Kein Gewichtsträger

Von Hause aus als Zugpferd gedacht, haben Tinker einen eher weichen Rücken mit schlechter Muskulatur. Darum benötigen sie regelmäßiges Rückentraining zum Aufbau, um Senkrücken und anderen Schäden vorzubeugen. Als Gewichtsträger sind sie trotz ihres kräftigen Fundaments deshalb nicht geeignet.

Was gibt es zu beachten? - Besonderheiten der Rasse

Tinker sind sehr leichtfuttrig. Die Traveller waren arm und bevorzugten Pferde, die mit wenig Futter viel Arbeit leisten konnten. Oft wurden sie über Nacht auf einer Wiese am Straßenrand angebunden und mussten mit dem zurechtkommen, was sie dort vorfanden. Das in Deutschland übliche qualitätsvolle Heu ist für Tinker bereits wie Kraftfutter. Von Zugaben wie Hafer oder anderem Getreide, Melasse oder sonstigem kalorienreichen Futter kann nur abgeraten werden. Die genügsamen Pferde reagieren auf Zuviel Stärke und Zucker mit Lympheinlagerungen, was sie dicker aussehen lässt als sie eigentlich sind.

Außerdem verstärkt zu üppige Fütterung die Anlage zu Mauke.Alles, was du über Mauke wissen musst, erfährst du in dem Artikel: Mauke – erkennen, behandeln, vorbeugen.

Tinker neigen zum Senkrücken und haben nur eine geringe Rückenmuskulatur. Regelmäßiges Rückentraining ist sehr wichtig, um gesund zu bleiben. Darum Vorwärtsabwärtsreiten in Dehnungshaltung und Traben über Stangen oder duale Aktivierung sollten ins wöchentliche Training integriert werden.

Was kostet ein Tinker? Wo kann ich einen Tinker kaufen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen Tinker zu kaufen.

  1. Vom Züchter
  2. Von Privat
  3. Vom Händler
  4. Auf dem Markt

Zu 1: Der beste Weg führt über einen Züchter. Hier hast du oft sogar eine Auswahl und kannst die Mutterstute und oft auch den Vater begutachten. Der Züchter kennt dein Traumpferd von Anfang an und kann dir sicher unterhaltsame Anekdoten oder auch wichtige Einzelheiten aus dessem Leben erzählen. Du siehst, wie dein Pferd aufgewachsen ist und eventuell lernst du auch seinen Ausbilder kennen. Außerdem hast du einen Ansprechpartner, wenn mal etwas mit deinem Pferd ist, ein verantwortungsvoller Züchter wird dir das anbieten. Anbei findest du eine Liste von Tinkerzüchtern in Deutschland.

Zu 2: Der zweitbeste Weg ist, wenn du deinen Tinker aus privater Hand kaufst. Manchmal ändern sich die Lebensumstände und der Erstbesitzer ist schweren Herzens gezwungen, sich von seinem Pferd zu trennen. Den meisten ist es wichtig, dass das geliebte Tier in gute Hände kommt und werden mit Informationen und Tipps nicht sparen. Manchmal steht in den Anzeigen „Platz vor Preis“. Das heißt, man muss weniger für das Pferd bezahlen, als es eigentlich Wert ist, wenn man eine Haltung im Sinne des Erstbesitzers garantiert. So kann man sogar günstig an sein Traumpferd gelangen.

Zu 3: Bei einem stationären Pferdehändler hast du eine größere Auswahl und kannst du dein Traumpferd persönlich kennenlernen. Doch bei aller Vorfreude bedenke bitte stets, dass der Händler vom Verkauf lebt und nicht so eine enge Bindung zu den Tieren hat wie der Züchter. Ziehe unbedingt einen Tierarzt zu Rate und bestehe auf einen schriftlichen Kaufvertrag.

Zu 4: Es gibt immer noch traditionelle Pferdemärkte, die meist einmal im Jahr stattfinden. Ganz berühmt ist zum Beispiel der Tinkermarkt im englischen Appleby, der seit 1685 jedes Jahr Mitte Juni stattfindet. Hier werden Pferde per Handschlag gekauft und bar bezahlt. Das ist eher etwas für Spieler: man kann Glück haben und ein gutes Pferd für wenig Geld erwerben. Oder man hat Pech, das Pferd ist krank und der Händler ist über alle Berge.

Zwischen 2000 und 5000 Euro sollte es möglich sein, einen gesunden und gerittenen Tinker zu bekommen.

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Cristine Keidel - Reiterfragen.de

Seit meiner Kindheit bin ich im Sattel zu Hause und habe das Bronzene Reitabzeichen. Unvergesslich sind mein erstes eigenes Pferd „Piroschka“, Andalusier „Cariño“, den ich aus Spanien importierte und bis zur Kandarenreife ausbildete, und natürlich PRE „Amoroso“, mit dem ich zahlreiche Showauftritte hatte und 2011 die Copa Baroque gewann. Aktuell begleitet mich Hannoveraner-Stute „Belle de Jour“ durchs Reiterleben.