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Pferde zuhause halten

Pferde zuhause halten – Teil 1

Als kleines Mädchen wollte ich immer Pferde zuhause halten. Ich träumte davon, dass sie direkt am Haus stehen und ab und zu zum Fenster hineinschauen.

Leider wurde dieser Pipi Langstrumpf Traum niemals wahr: als ich mit sechzehn Jahren endlich das erste eigene Pferd bekam, wurde dies auf einem Bauernhof untergebracht, wo noch drei weitere Pferde standen und die nächste Reithalle nicht allzu weit entfernt war.

Auch heute kann ich nicht mein Pferd zuhause halten. Das nächste war mal ein Stall, der fußläufig entfernt war, aber das ist nicht dasselbe. Auch ist der Traum von damals realistischeren Bedenken gewichen: Pferde zuhause halten bringt auch Verantwortung, Verpflichtung und viel Arbeit mit sich. Nur mit Putzen, Reiten, Misten und Füttern ist es nicht getan – man muss sich auch um die Zäune kümmern, Ställe bauen, Heulager organisieren und die Frage „wohin mit dem Mist“ klären.

Trotzdem gibt es immer wieder Enthusiasten, die sich das antun. Ich habe drei Frauen getroffen, die in Eigenregie Pferde am Haus halten und sie nach ihren Beweggründen und Erfahrungen befragt. Dabei stellte sich schnell heraus, dass jede ganz individuell ihren Stall führt. Die Konzepte sind so unterschiedlich, dass man sie nicht über einen Kamm scheren kann – oder in einem einzigen Artikel beschreiben. Darum habe ich aus dem Beitrag eine kleine Serie von drei Teilen gemacht.

Teil 1: Birgit, die Kreative

Ich fahre mit dem Auto hinaus ins Bergische Land. Rechts und links sieht man weite Felder in einer hügeligen Landschaft. Birgit wohnt in einem 10-Häuser-Ort (wenn es denn so viele sind) direkt an der Landstraße. Ich biege in die Einfahrt und stehe vor einem schmiedeeisernen Tor, an dem ein Bild mit einem gefährlich aussehenden Hund hängt, der Einbrecher warnt. Auf mein Klingeln erscheint die Hausherrin und öffnet mir das Tor. Ich fahre hinein und parke. Als ich aussteige, sehe ich eine Auffahrt und ein Wohnhaus, aber keine Pferde.

Es ist ein warmer Spätsommertag und Birgit meint: „Komm, ich zeige dir erst mal alles“. Wir gehen über einen gepflegten Rasen rund um das Haus herum und da sehe ich endlich das Pferd. Der schwarzweiße Schecke steht auf einer abgezäunten, gar nicht mal so kleinen Wiese und grast friedlich unter Apfelbäumen. „Ups“, denke ich, „das steht ja allein“ und sage das dann auch. „Ja“ bestätigt Birgit, „das ist aber nur übergangsweise so. Vor kurzem starb der Weidekumpel und ich bin auf der Suche nach einem neuen Gefährten“.

Pferde zuhause halten
Eine der beiden Ziegen Mona und Lisa.

Der Garten ist ein Streichelzoo

Das beruhigt mich erst mal. Und als wir um das Haus herumgehen sehe ich, dass das Pferd gar nicht wirklich allein ist: Angel genießt die Gesellschaft der Ziegen Mona und Lisa. Überhaupt wirkt das ganze Grundstück eher wie ein Streichelzoo als wie ein Garten: es gibt ein Gehege mit Schildkröten, die in einem Gewächshaus überwintern. Eine Schar Hühner gackert fröhlich in ihrem Auslauf und schläft nachts sicher in einem umfunktionierten alten Wohnwagen. Der Auslauf für Meerschweinchen und Kaninchen ist allerdings verwaist. Dafür gibt es noch einen Hund und eine Katze.

Kreativität und Funktionales

Wir kommen zum Stall: der sieht sauber und solide aus. Überhaupt ist hier alles ordentlich und funktionell. Man sieht: es sind kreative Bastler am Werk. Überall findet man geniale Ideen, wo man sich mit einfachen Mitteln zu helfen weiß. Da gibt es zum Beispiel einen Flaschenaufzug am Stall, mit dem Birgit bis vor kurzem noch Heunetze  aus einem Bottich gezogen hat. Affiliate-Link zu amazon

Birgit: „Ich mache das Heu immer nass, weil Angel eine Umfangsvermehrung – also einen langsam wachsenden gutartigen Tumor – in der Nase hat. Aber auch mit dem Flaschenzug ist das schwer und bei kaltem Wetter sehr unangenehm, weil das Heu so stark tropft. Darum haben wir jetzt unseren Heu-Bedampfer.“

Der praktische Heubedampfer erleichtert die Fütterung.

Der Heubedampfer

Stolz präsentiert sie mir einen schrankähnlichen Kunststoff-Container, der ursprünglich für die Aufbewahrung von Mülltonnen gedacht war. Sie öffnet die Flügeltüren und zeigt mir ein gefülltes Heunetz, dass gerade in der „Nebelsauna“ hängt. Der Dampf wird durch einen Tapetenbefeuchter aus dem Baumarkt erzeugt und durch einen Schlauch ins Innere des Schrankes geleitet. Eine Zeitschaltuhr sorgt für die richtige Dauer. Affiliate-Link zu amazon

Birgit: „Da hänge ich morgens und abends das Heu rein und mache meinen Stalldienst. Wenn ich fertig bin, hole ich das Heu raus und füttere. So behandeltes Heu ist besser als gewässertes und viel leichter zu tragen.“

Diesen Vorteil nehme ich der schlanken, eher zart gebauten Sechzigjährigen sofort ab.

Pferde zuhause halten
Ein Tapentenbefeuchter aus dem Baumarkt liefert den Dampf.

Das Heulager

Gelagert wird das Heu in einem umfunktionierten Weidezelt, das Birgit zusammen mit ihrem Mann Hans aufgebaut hat. „Früher kauften wir immer nur einzelne Rundballen, die im Stall gelagert wurden. Doch seitdem wir vor etwa vier Jahren die Heuzelte errichtet haben, können wir im Sommer den gesamten Jahresvorrat einkaufen und lagern.“

Pferde zu Hause halten
Das umfunktionierte Weidezelt dient als Heulager für den Jahresvorrat.

Der Trail-Parcour

Auf dem Weg zur Weide kommen wir an einem kleinen Trail-Parcour vorbei. Hier hat sich Birgit mit viel Fantasie ein paar Hindernisse gebaut: unter anderem einen Flattervorhang und ein Gestell mit bunten Schwimmnudeln, dass bestimmt jedes Boxenpferd in Aufruhr versetzen könnte. Affiliate-Link zu amazon

Birgit: „Da Angel ja leider nicht reitbar ist, muss ich sie irgendwie anders beschäftigen. Wir gehen viel spazieren, ich longiere sie und mache oft Bodenarbeit und Zirzensik mit ihr.“

Ich begrüße Angel, die den Kopf hebt und sich von mir streicheln lässt. So, wie sie dasteht und mich mit ihren dunklen Augen ansieht, wirkt sie vollkommen harmlos. Nach der Begrüßung führt mich Birgit zurück zum Haus, wo wir auf der Terrasse platz nehmen und in Gegenwart von Hans das Interview fortsetzen.

Pferde zuhause halten
Die bunten Schwimmnudeln dienen im Trail-Parcour der Pferde-Beschäftigung.

Die Pferde

Zuerst zogen 2006 die Tinkerstute Tinka und das schwarze Shettlandpony Gypsy ein. Tinka war für die Tochter des Hauses gedacht und Gypsy ein Mitleidskauf von einem Eifeler Pferdemarkt. Nun wollte Birgit auch ein eigenes Pferd haben.

Pferde zu Hause halten
Zufrieden grast Angel auf ihrer Hausweide.

Angel

Als sie 2007 Angel entdeckte, ist sie natürlich probegeritten, bevor sie die Stute kaufte. „Sie ließ sich reiten wie ein ganz normales Pferd“. Auch nach dem Umzug lief alles prima. Doch bald schon merkte Birgit, dass mit dem Schecken etwas nicht stimmte. Zu ihrer Überraschung stellte der Tierarzt eine Schwangerschaft fest und 2008 wurde das Hengstfohlen Vento geboren.

Danach war Angel wie ausgewechselt: Sie duldete keinen Reiter mehr auf ihrem Rücken und warf jeden ab – auch professionelle Bereiter! Angel bockte und stieg, bis der Reiter am Boden lag. Schon das Anlegen des Sattelgurtes quittierte sie mit angelegten Ohren. Das Pferd wurde medizinisch auf den Kopf gestellt und auch in die Klinik gefahren, doch es wurde keine Ursache für ihr Verhalten gefunden.

Pferde zuhause halten
Vento und Gypsy auf der Weide

Vento

Als Dreijähriger fing Vento plötzlich an, immer wieder zu lahmen. 2011 diagnostizierte der Tierarzt eine schmerzhafte Knorpelerweichung und empfahl die sofortige Einschläferung. Doch Birgit wollte diese Entscheidung nicht akzeptieren und holte eine zweite Meinung ein. Der zweite Tierarzt gab Vento eine Chance und schickte ihn für ein Jahr auf die Weide. Birgit: „Nur dem großen Engagement von der jetzigen Besitzerin, die ihn damals gekauft hat, ist es zu verdanken, dass er noch lebt.“ 2014 hat er den Hof verlassen.

Als die Tochter auszog, nahm sie ihre Tinkerstute mit. Zurück blieben Gipsy und Angel. Nun ist Gypsy verstorben und Angel lebt im Moment zusammen mit den Ziegen.

Für aufwendige Gartenarbeit fehlt die Zeit - links im bild das Schildkröten-Gehege.

Wolltet ihr immer schon Pferde zuhause halten?

„Nein!“ Hans lacht. „Wir hatten gerade ein Haus im Kölner Westen gekauft, ein hübsches Wohnhaus in einer Siedlung mit kleinem Garten. Doch dann fuhren wir hier durchs Bergische Land und sahen zufällig dieses Haus auf diesem Traumgrundstück, das zum Verkauf angeboten wurde. Da haben wir spontan nochmal umdisponiert und zugeschlagen.“

Birgit ergänzt: „Ich bin in meiner Jugend geritten und hatte eine Reitbeteiligung. Habe immer von einem eigenen Pferd geträumt. Als ich das Haus mit dem Grundstück sah kam mir die Idee, dass es möglich sein müsste, hier Pferde zu halten.“

Blick auf das Stallgebäude.

Wir würden heute einiges anders machen

Also kauften die beiden Stadtmenschen das Haus und zogen 1999 mit ihren Kindern aufs Land. Zuerst kamen kleinere Tiere ins oder besser ans Haus: Hühner, Meerschweinchen, Kaninchen, Hunde, Katzen, Schildkröten. Birgit: „Wir wurden zur Anlaufstelle für alle, die ihre Haustiere nicht mehr haben wollten.“ So kam ein Gehege zum nächsten, immer gerade da, wo Platz war.

Birgit: „Den Stall würde ich heute an eine ganz andere Stelle setzen, lieber im vorderen Teil des Grundstücks. Die Anlieferung der Heu- und Strohballen ist wirklich umständlich, weil sie über das ganze Grundstück getragen werden müssen. Auch der Misthaufen liegt nicht optimal. Aber wir mussten oft schnelle Entscheidungen treffen, die dann leider nicht richtig durchdacht waren.“

Pferde zuhause halten
Hier ist die andere Ziege - links sieht man das Wohnhaus.

Warum habt ihr keinen Reitplatz oder Longierzirkel hier?

Genug Platz für einen Longierzirkel, ja selbst für einen Reitplatz, wäre vorhanden.

Birgit: „Direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite wohnt noch ein Pferdehalter, dessen Reitplatz ich benutzen darf. Die nächste Reithalle ist fußläufig 10 Minuten entfernt, da kann ich bei schlechtem Wetter hin. Es war also nie nötig, so etwas selbst anzulegen.“

Pferde zuhause halten
Ein Überblick - rechts neben dem Stall sieht man das Hühnergehege.

Fiel euch die Umstellung aufs Landleben schwer?

Birgit: „Ja und Nein. Die Menschen hier sind sehr freundlich und hilfsbereit. Die Nachbarn sind tolerant und haben sich auch noch nie beschwert über die Tiere und alles, was damit zusammenhängt.

Aber wir mussten lernen, dass man zum Beispiel Heu nicht wie im Supermarkt kaufen kann. Die Landwirte wollen einen kennen und verkaufen nicht unbedingt an jeden. Außerdem sind landwirtschaftliche Güter begrenzt: Wenn die Ernte knapp ausgefallen ist, steigen die Preise und irgendwann ist es ausverkauft. Dann gibt es nichts mehr. Das ist schwer vorstellbar für einen Stadtmenschen.“

Hans: „Wir hätten auch gerne noch ein Stück von der angrenzenden Wiese gekauft, weil unsere Weidefläche doch recht begrenzt ist. Der Bauer verkauft es aber nicht. Und selbst, wenn er verkaufen wollte, ist das nicht so einfach. Man darf das Land nicht in den Größen verkaufen wie man will oder wie nachgefragt wird. Die Flurstücke müssen erhalten bleiben. Wir haben dann eine Weide etwas weiter weg gepachtet. Das ist unpraktisch, aber wir sind froh, dass wir sie haben.“

Birgit: „Auch die Mistabholung muss organisiert werden. Der wird ja nicht von der Müllabfuhr entsorgt. Da braucht man eine Absprache mit einem Bauern, der bereit ist, für die paar Kubikmeter zu fahren. Das macht auch nicht jeder.“

Pferde zuhause halten
Blick vom Stall aufs Wohnhaus.

Wieviel Zeit braucht es, Pferde zuhause halten?

Birgit: „Im Sommer geht es eigentlich, da bin ich schnell fertig. Der Winter ist deutlich arbeitsintensiver: Da brauche ich für den Stall morgens etwa eine Stunde und abends nochmal eine halbe zum Füttern. Dazu kommt die Pferdepflege und Beschäftigung, die man ja auch im Pensionsstall leisten muss.

Und bei uns kommen noch die anderen Tiere hinzu. Ich muss auch sagen, jetzt, wo ich sechzig geworden bin, lässt die Kraft allmählich nach. Darum haben wir vor, keine neuen Tiere mehr anzuschaffen. Zum Glück helfen unsere Kinder ab und zu und man kann sich mit den Nachbarn absprechen. Für die Urlaubsvertretung gibt es eine mobile Tiersitterin.“

Pferde zuhause halten
Stute Angel grast entspannt zwischen den Trail-Parcour-Hindernissen

Was sind die Vorteile von „Pferde zuhause halten“?

Birgit: „Der schönste Vorteil ist, dass man immer mit dem Tier zusammen ist. Ich kann jederzeit hingehen und habe so eine ganz andere Bindung zum Pferd als wenn es irgendwo anders stünde und ich es nur zwei Stunden täglich sehe.

Die räumliche Nähe ist natürlich auch super, wenn das Pferd krank ist und mehr Zuwendung braucht. Dreimal täglich Medikamente geben oder Verbände wechseln macht man einfach zwischendurch. In einem Pensionsstall muss das immer erst umständlich organisiert werden.“

Pferde zuhause halten
Der kleine Vento und seine Mama Angel.

Gibt es auch Nachteile von „Pferde zuhause halten“?

Birgit: „Naja, der Tagesablauf und das ganze Leben richtet sich nach den Tieren – das muss man wollen. Spontane Urlaubsreisen sind nicht drin, zuerst muss die Versorgung der Tiere sichergestellt sein. Außerdem gibt es viel körperliche Arbeit draußen zu verrichten bei jedem Wetter – auch Das muss man mögen. Für mich ist das aber mein Hobby und keine Arbeit.“

Die helle Ziege ist recht anhänglich und immer mit dabei.

Würdest Du immer wieder Pferde zuhause halten?

Birgit: „Wir sind damals ohne Vorkenntnisse aufs Land gezogen und zum Teil recht naiv an die Sache herangegangen. Mit meinem heutigen Wissen würde ich das eine oder andere anders machen, wie zum Beispiel den Stall an eine andere Stelle bauen. Aber Pferde zuhause halten würde ich immer wieder, denn das ist mein Leben!“

Lese in unserer nächsten Folge Wohnen mit Pferden (Teil 2) wie Roberta mit ihren Pferden lebt. Die Tierärztin zog erst kürzlich mit ihrem Mann Paul aus der Großstadt ins Bergische Land um ihre drei Pferde in Eigenregie zu halten. Dabei hatte Roberta von Anfang an einen genauen Plan im Kopf, den sie jetzt systematisch umsetzt.

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